Systemische Aufstellungsarbeit
(Imaginative Familienaufstellung)

Besser Siegmund führen in ihrem Buch (Imaginative Familienaufstellungen mit der wingwave Methode, Junferman Paderborn 2004) aus, dass ihr Ansatz auf die „Reimprinting-Methode“, - ein „Time-Line“-Format zurückgeht, das Anfang der achtziger Jahre  der amerikanische NLP-Trainer Robert Dilts entwickelte. Dilts hatte damit schon gezeigt, dass man mit Klienten durchaus eine Familienaufstellung im mentalen Vorstellungsraum durchführen kann, wobei jeweils Gegenstände als symbolische Repräsentation für jedes Familienmitglied auf dem Boden ausgelegt werden. Auf diese Weise bildeten sich Familienmuster ab, die Aufschluss über die familiäre Lerngeschichte der Klienten geben konnten, wie nah oder fern man zu sich stand, in welcher Weise man zusammenhielt oder sich gegenseitig im Blick hatte. Besser Siegmund machten die Erfahrung, dass eine solche konstruktive Aufstellungsarbeit, in der Klienten ihre Familienmitglieder dissoziiert von außen aus einer Erwachsenen- oder Sachverständigen Perspektive betrachten, auch im geistigen Raum vollzogen werden kann.

Die Klienten wählen „mentale Orte“ in ihrer Vorstellungswelt für die Imagination ihrer Ursprungsfamilie. Menschen können tatsächlich in Ihrer Vorstellungswelt derartige innere Orte für ihre Ursprungsfamilien benennen. Die den Personen zugewiesenen virtuellen Orte haben in der Gefühlswelt der Klienten jeweils  qualitativ ganz unterschiedliche Resonanzen. Die kinästhetischen Submodalitäten haben einen erheblichen Einfluss darauf, wie die Erlebnisfamilie in der Erinnerung erlebt wird. Links aufgestellte Personen können emotional weniger wichtig sein als rechts aufgestellte. Personen des Hintergrundes können bedrohlicher erlebt werden als beispielsweise jemand im Vordergrund, die Emotionalen Bewertungen variieren individuell. Lukas Derks spricht in seinem Buch (Das Spiel soziale Beziehungen 1998, Klett-Cotta, Stuttgart 2000) von Sozial- und Familienpanoramen und macht die Bedeutung von mentalen Lokalisationen und die Verschiebung einzelner Komponenten solcher innerer Repräsentationen deutlich. ...“Menschen stellen sich Menschen in Gedanken vor, und die Submodalitäten dieser Vorstellungen entscheiden darüber, wie sie ihre Beziehungen erleben.“...“Werden die Orte in der Herkunftsfamilie verändert, so beeinflusst dies auch die Ebene der Persönlichkeit.“ Derks fasst die erste Annahme einer Theorie des sozialen Panoramas zusammen: ...“Beziehung entspricht der Lokalisierung. Ein Familienpanorama ist also als Ansammlung solcher Verortungen aufzufassen. Die Position der Familienmitglieder gegenüber dem Selbst und zueinander bestimmen die Familienstruktur.“...

Derks unterstreicht, dass es in einer Familientherapie, die mit Repräsentationen arbeitet, nicht darum geht Interaktionsmuster zu erkennen sondern Repräsentationsmuster zu identifizieren und zu verändern und eben daraus ergebe sich auch eine andere Rolle für den Therapeuten: ...“ Interaktionsmuster vermag nur der Therapeut zu erkennen, während Familien-Repräsentationen eine persönliche, subjektive Erfahrung des Klienten sind.“... Und das ist eben der entscheidende Punkt in diesem Ansatz, der auf die Änderung des mentalen Panoramas abzielt.  

Die Bedeutung der Lokalisierung und Veränderung der Familien-Topographie ist in den verschiedenen familientherapeutischen Schulen zum Ausdruck gekommen. Virginia Satir arbeitete damit und wandte die Technik der „Familien-Skulptur“ an, indem sie die Familienmitglieder aufforderte  ein lebendes Bild ihrer Familie aufzustellen. Werden dabei die Positionen der Mitglieder verändert, ändert sich auch die Struktur der Familie.

Die Gehirnforschung gibt uns eine Erklärung für die emotionale Orientierung im Raumdenken und welche Funktion dem Hippocampus als Schnittstelle dabei zukommt. (siehe Manfred Spitzer „Lernen-Gehirnforschung und die Schule des Lebens) .

Der Hippocampus scheint sich als eine ordnende Deutungs- und Lernplattform zu erweisen, auf der unterschiedliche Repräsentationssysteme miteinander verbunden und zu einem inneren emotionalen Bedeutungs-Raum verdichtet werden. „Unsere Ursprungsfamilie sitzt als ein Teil von uns in unseren Gehirnzellen“, wie es Besser Siegmund treffend ausdrücken. Die Psychologen sprechen von Internalisierungen, was wir umgangssprachlich zum Ausdruck bringen, wenn wir von Menschen sprechen, „die uns nicht aus dem Kopf gehen, die einen Platz in unserem Herzen haben oder uns nicht mehr loslassen“.

Die innere emotionale Raumorientierung ist die interne „Lebens-Bühne“ für unser „Erinnerungs-Theater“ auf der unsere Erzählungen (Narrationen) zur „Aufführung kommen, über die wir bereits im vorherigen Abschnitt gesprochen hatten.

Geprägt werden Menschen durch das „Stück“ und die Rollenmuster, die sie in ihrer Ursprungsfamilie lernen, inklusive der dazugehörigen Glaubenssätze (und die Moral von der Geschicht, übernommen wird  auch der entsprechende Familienmythos (eine Familie von Pechvögeln, Hilfsbereiten, Überfliegern, Abenteurern e. c. Darüber hinaus hat jedes „Familien-Stück“ seine spezielle atmosphärische Einfärbung wie wir es von Dramen, Krimis, Komödien und  Abenteurerfilmen her kennen. Eben diese Atmosphären vermitteln dem Zuschauer schon vorab unabhängig vom Inhalt die emotionale Erlebnisqualität der „Aufführung“. Die Atmosphären werden ebenfalls schon sehr früh adaptiert und oft gar nicht bewusst wahrgenommen, da sich die Familienmitglieder daran gewöhnt haben und sie als normal empfinden. Außen Stehende nehmen solche Familienatmosphären bewusst war und erleben und bewerten sie völlig anders. Wie in einem Theaterstück leben die Charaktere vom Gegenspiel der anderen Figuren und jede Figur kennt ihren Part. Zu einem Krimi gehören Opfer, Täter und der Kommissar. Durch Western, Shakespeare und die Seifenopern sind wir bestens mit dem „Aufführungs-Personal“  vertraut, ob Nichtsnutz und Bösewicht, Retter und Held, Strahlemann und Überflieger oder Joker und Clown e. c.

Für Menschen, die Selbstbestimmung und Wahlfreiheit anstreben stellt sich die Frage, in wie weit sie durch ihre automatisch ablaufenden Rollenmuster fremd gesteuert sind und in wie weit diese Verhaltensmuster ihren aktuellen Kontexten noch angemessen sind.

Die Psychoanalytikerin Alice Miller merkt dazu an (Du sollst nicht merken, Suhrkamp, Frankfurt,1983), dass erwachsene Menschen später auch in andere Rollen ihres Familienstückes als in die ihrer ursprünglichen Kinderidentität hineinschlüpfen. So können im späteren Leben aus Opfern Täter und aus schüchternen Kindern Furcht einflößende „Einschüchterer“ und autoritäre Vorgesetzte werden.

Besser Siegmund betonen, dass die Methode der imaginativen Familienaufstellung nicht bei den positiven Prägungen ansetzt sondern bei all den Prägungen, „die unsere Seele auf eine einschränkende und blockierende  Weise modelliert und uns so die innere Freiheit rauben“, Menschen können durch das Format unterstützt werden sich aus den „Mausefallen“ ihrer vorprogrammierter Rollenmuster zu befreien.

Beispielsweise wollen bei Todesfällen oder Trennung von einem Angehörigen die Gehirnzellen aufgrund der Prägung das Stück weiterhin aufführen, auch wenn die Rollen nicht mehr besetzt sind, da die „Schauspieler“ abgetreten sind. ...“ So inszenieren sie auch hier  mit dem Körper selbst die unbesetzte Rolle“.... So können auch ausgeglichene und selbst bewusste Menschen nach dem Tod von Angst besetzten oder ungeliebten Elternteilen beeinträchtigt werden. ...“Das chronische Elternfeindbild ist außen angetreten und „rutscht“ nun über die Krankheit in das eigene Nervensystem.“...

Richard Bandler beschreibt in seinem Buch „Veränderung des subjektiven Erlebens“, wie wortwörtlich die Einstellung zu einem Thema oder Problem identisch mit der Darstellungs-Qualität der „Gehirn-Films ist, wir waren darauf bei dem „Panorama-Konzept“ von Derks darauf eingegangen.

Da die meisten Menschen sich bei Gedanken an problematische Kindheitserinnerungen sich diese wie auf einem inneren Bildschirm vorstellen, als wäre es gerade erst geschehen, dabei reproduziert das Gehirn die Ereignisse auf dem inneren „Bildschirm“ wie aus der früheren Kinderperspektive heraus. Besser Siegmund nutzen diesen inneren Bildschirm mit der Kinderperspektive für die Aufstellungsarbeit, indem der mentale Bildschirm nach außen verlagert und verkleinert wird und dabei wie ein Fernsehgerät mittels einer Fernbedienung gehandhabt wird. Die Projektion ermöglicht eine Externalisierung des internal-emotionalen Bedeutungsraumes. Der Coachee ist assoziiert und betrachtet sein Stück von außen. Er betrachtet aus seiner Erwachsenen–Perspektive, in der ihm alle Ressourcen zur Verfügung stehen, wie er und alle Mitglieder seiner Ursprungsfamilie positioniert sind. Besser Siegmund vertreten die Ansicht, dass eine derartig dissoziierte Zuschauerperspektive völlig ausreicht, um die Familiendynamik der Aufstellungsdynamik der Aufstellungsszene in ihren wichtigsten Punkten zu erfassen, da die positiven Ergebnisse des Formats diese Vorgehensweise bestätigen.

Der Fokus einer imaginativen Familienaufstellung gilt der Stabilisierung und der Zukunft des Klienten und orientiert sich an den Maximen: „ So viel Information wie nötig, so wenig Vergangenheit wie möglich und soviel Sicherheit für das Gegenwarts-Ich wie nur irgendwie möglich.“ Daher ist es ein besonders schonender Coaching-Ansatz, wobei der Kinesiologische Muskeltest als Prozessplaner einen Ressource- orientierten Prozessverlauf sichert, der Retraumatisierungen verhindern hilft, indem während des Prozesse immer wieder der Satz getestet wird: „Wir wissen jetzt genug“.

Die Technik unterscheidet sich von anderen Ansätzen einer Vergangenheitsbewältigung gerade bei dem ersten Aufstellungsschritt darin, dass der Klient durch eine distanzierte Bildschirmbetrachtung zunächst einmal von den alten Gefühlen loslässt. Ohne ein aufschaukelndes assoziertes Erzählen ermöglicht eben die o.a. Zuschauerperspektive eine optimale Übersicht über die Lebensfaktoren, die auf die Mitmenschen einwirkten. ...“Die Verletzungen sollen geheilt und nicht aufgerissen werden.“..

Es geht schon darum, dass der Klient bei der Imaginativen Familienaufstellung etwas spürt, allerdings in Verbindung mit den ressourcevollen Gefühlen einer kraftvollen Veränderung. Weil eben solche positiven Selbstheilungs-Gefühle von vorneherein aktiviert werden und die Auflösung von jahrelang ertragenen negativen Gefühlen während des Processing begleiten, wird eine Retraumatisierung vermieden.

 

© 2006 Robert Reschkowski /Textauszug: „Systemische Timeline-Arbeit mit wingwave / Paderborm Junfermann Verlag

Mehr dazu von Robert Reschkowski in der Zeitschrift Balance-Online